Projektauftakt:

Biodiversität auf kirchlichen Friedhöfen

 

Auf dem Friedhof soll es zukünftig mehr Leben geben. Darum nimmt der Friedhof Süderstraße der Ev.-luth. Christus-Kirchengemeinde Borkum an einem Projekt teil, um mehr Pflanzen und Tieren als bisher einen Lebensraum zu bieten. Den offiziellen Startschuss gab es am Freitagabend, den 6. Juli, im Gemeindehaus Arche.

Die Vorarbeiten und das Projekt mit dem langen Titel „Landschaftswerte – Biodiversität auf kirchlichen Friedhöfen“ haben zwar schon begonnen und die Kirchengemeinde mit dem Friedhofsausschuss und Ehrenamtlichen schon viel Arbeit investiert und viele Ideen entwickelt. Doch nun wurden diese erstmals präsentiert und der Entwicklungsplan für die kommenden Jahre vorgestellt. 

Mehr als 40 Interessierte kamen zur Auftaktveranstaltung. Im Raum hingen Plakate, die zeigten, dass Friedhöfe wichtige Refugien für heimische Tiere sind und was getan werden kann, um den Friedhof Süderstraße für Mensch und Tier attraktiver zu gestalten. Bunt war der Raum auch durch einige Pflanzen, die dafür geeignet sind, und auf dem Friedhof trotz widriger Umstände – Sandboden, viel Wind, salzhaltige Luft und die Kaninchen, die sich über jeden frischen Halm hermachen – gut wachsen würden und für Bestäuber und andere Insekten Nahrung bieten können.

Pastor Jörg Schulze beschrieb, warum es das Ziel der Gemeinde ist, einen lebendigen Friedhof zu schaffen: „Der Ort, an den wir unsere Toten bringen, soll ein Zeichen für das Leben sein, nicht nur in seiner Symbolik, sondern auch in der Gestaltung der Natur.“ 

Das von der EU und dem Land Niedersachsen geförderte Pilotprojekt hat das Ziel, exemplarisch Flächen auf neun kirchlichen Friedhöfen in ganz Niedersachsen unter dem Fokus “Erhöhung der Biodiversität und Attraktivität“ umzugestalten. Die teilnehmenden Friedhöfe beschäftigten sich – zum Teil schon mehrere Jahre – im Rahmen des Umweltmanagements „Der Grüne Hahn“ mit der Frage, wie sie einen Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung leisten können. Begleitet werden sie dabei von Referenten und Referentinnen aus dem Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers. 

Was passiert konkret auf den Friedhöfen? Noch wird geplant, doch bis Mai 2021 werden auf den Friedhöfen viele verschiedene kleine Maßnahmen umgesetzt und Nahrungsangebote, Nist- und Aufenthaltsmöglichkeiten für heimische Tiere geschaffen. Und das ist bitter nötig, wie z.B. die aktuellen Schlagzeilen zu Insektensterben zeigen. Auf jedem Friedhof werden auf zukünftigen Bestattungsflächen und nicht für Bestattungen vorgesehenen Flächen standortangepasste Biotope entstehen. Diese Gestaltungen werden sehr vielfältig sein: modern oder traditionell oder park-, wald-, gartenähnlich aussehend. Auf dem Friedhof Süderstraße wird dafür das Motto „Ruhen inmitten der Wogen“ aufgegriffen und auf jetzigen Rasenflächen umgesetzt: Dabei soll z.B. ein Staudenbeet wellenförmig bepflanzt werden, geschwungene Wege durch ein Blütenmeer führen zu einem „Schiff“, wo Bänke zum Verweilen einladen. Dort wird eine neue Bestattungsart möglich sein: ein Urnengemeinschaftsgrab. Dann sind in der als Einheit gestalteten Fläche Urnenbestattungen möglich und die Pflege wird vom Friedhof übernommen. 

Das Ergebnis des gesamten Umgestaltungsprozesses – Staudenflächen, Blumenwiesen, neue Bäume, dichte Hecken aus einheimischen Gehölzen, blühende Grabfelder und vielfältige Nischen – sind nicht nur grüne Oasen für Tiere, Insekten und Pflanzenarten, sondern sollen auch das menschliche Auge erfreuen. 

Dieses Konzept kam bei den Anwesenden gut an. So gab es positives Feedback, dass der „in Reih und Glied angelegte Friedhof“ nun etwas aufgelockert und auch die „strengen Backsteinmauern“ z.T. verschwinden würden und in Zukunft nicht mehr so prägend sein würden, dass Bäume neu gepflanzt, dass insgesamt „gestalterisch eingegriffen“ wird und der Friedhof naturnäher wird.

 

Ansprechpartnerin im Haus kirchlicher Dienste der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers: Joana Cavaco, Telefon 0511-1241-740 oder E-Mail: cavaco@kirchliche-dienste.de

Auskunft gibt auch die Umweltmanagementbeauftragte der Christus-Kirchengemeinde Borkum Sonja Hartwig, Telefon 04922-990231, E-Mail: kg.borkum@evlka.de oder Pastor Jörg Schulze, Telefon 04922-2253,  E-Mail: joerg.schulze@evlka.de

 


Projektauftakt am 6. Juli 2018 im Gemeindehaus Arche (Fotos Andreas Behr)

Begrüßung und einleitende Worte von Pastor Jörg Schulze:

 

„Auf unserem Friedhof tut sich was“, so haben wir die Einladung und Werbung für die Auftaktveranstaltung unseres Projektes „Biodiversität auf kirchlichen Friedhöfen“ überschrieben.

 

Schwieriges Wort, das aber etwas ganz Einfaches meint. Bio(s) = Leben / Diversität (Vielfalt), lebendige Vielfalt oder Artenvielfalt. Ziel ist, einen lebendigen Friedhof zu schaffen. Der Ort, an den wir unsere Toten bringen, soll ein Zeichen für das Leben sein, nicht nur in seiner Symbolik, sondern auch in der Gestaltung der Natur. „Von der Erde bist du genommen, zu Erde musst du wieder werden“, so sage ich es bei jeder Beerdigung. Erde ist Grundstoff menschlichen Lebens. Aus Erde wurde Adam geschaffen. Genau übersetzt heißt das hebräische Wort Adam „Erdling“, der aus Erde gemachte. Und so ist es gut, unsere Toten in Erde zu legen, aus der vielfältiges Leben hervorgeht. Friedhöfe sind auch Lebensräume.

 

Die Ordnung auf unserem Friedhof widerspricht nach unserem Verständnis diesem Gedanken. Er ist in Reih und Glied angelegt. Das passt nicht zu Orten, die vom Leben zeugen. Leben ist immer in Bewegung. Viel gemauerter Backstein prägt seinen Charakter, dazu Rasen und kaum Bewuchs. Das ist z.T. der Lage so nah am Meer geschuldet. Aber es hat bisher auch keine Versuche gegeben, gestalterisch einzugreifen. Das wollen wir ändern.

 

Friedhöfe sind Orte des Gedenkens und Bedenkens.

 

„Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf das wir klug werden“, bittet der Beter des 90. Psalms. Lebensklugheit ist nur möglich angesichts des Bewusstseins der eigenen Sterblichkeit. Wir sind Gäste, nicht nur die Urlauber bei uns auf Borkum, wir alle - Gäste auf Erden.

 

Ich glaube, dass das Bedenken der eigenen Endlichkeit und die Haltung eines „abschiedlichen“ Lebens die größte Weisheit des Lebens überhaupt ist.

 

Sie lehrt uns Gelassenheit und Dankbarkeit. Wir sind nicht die Macher des Lebens, wir sind immer Empfangende. Das Leben ist Gabe, Geschenk, anvertraut auf Zeit. Mein Leben ist Fragment. Das befreit mich vom Zwang und schenkt mir einen spielerischen Geist.

 

Besitz, Leistung, all die Ansprüche und Gesetze unserer Zeit relativieren sich an diesem Ort des Gedenkens und Bedenkens. Friedhöfe haben eine wichtige geistliche und auch therapeutische Funktion in einer Welt der Beschleunigung, in der der Tod immer mehr verdrängt wird.

 

Friedhöfe erzählen Geschichte und Geschichten!

 

Ich gehe gerne auf Friedhöfe. Im Urlaub, in Städten, auch in anderen Ländern, in denen die Art der Bestattung und der Friedhöfe mir etwas über die Kultur des Ortes, des Landes, die Menschen erzählt. Geschichten vom Leben. Zeige mir, wie du deinen Toten begräbst, und ich erkenne, wie du lebst. Unsere Bestattungs- und Friedhofskultur sagt ganz viel über uns aus.

 

Manchmal gehe ich in meiner Heimatstadt über den Friedhof. Zwischen den Grabsteinen begegne ich mir selbst, meiner eigenen Geschichte. Ich trete in Beziehung mit Namen und Menschen, die schon verstorben sind, aber mit denen ich vor langer Zeit in unterschiedlichen Zusammenhängen gelebt habe.

 

Ich staune und erschrecke ein wenig, wer dort schon alles liegt, auch Menschen in meinem Alter, mit denen ich die Schulbank geteilt habe und von denen ich dachte, sie würden noch leben, und plötzlich entdecke ich betroffen ihr Grab.

 

Friedhöfe sind Erinnerungsorte, die mich nachdenklich und gelassen machen; - die mich die Freiheit lehren, mich nicht an Dingen festzuhalten, sondern den Wert von Beziehungen als den eigentlichen Schatz des Lebens zu erkennen. Sie ermutigen mich, mich neu und bewusster dem Leben zuzuwenden, den Augenblick zu genießen im Bewusstsein vergehender Zeit.

 

Sie sind Orte der Resonanz, die zu klingen und zu sprechen beginnen, wenn ich mich auf sie einlasse. Und ich erlebe, was ich bei dem Theologen Fulbert Steffensky vor langer Zeit einmal gelesen habe und mit dem eigenen Älterwerden mehr und mehr verstehe. Er sagte über die Erfahrung eines Friedhofsbesuches: „Mich wärmen die Toten“.

 

Das stimmt! Uns wärmen die Erinnerungen an Menschen, denen wir etwas verdanken, - Eltern, Großeltern …

 

Wie gut, wenn wir ihre Namen lesen können. Die Toten haben ein Recht, dass ihre Namen erinnert werden. Und es ist unsere Aufgabe, sie nicht aus unserem Gedächtnis zu löschen.

 

Auch daran erinnert mich ein Grab auf einem Friedhof. Es zeigt mir meine Geschichtlichkeit, - und ich begegne der Frage, woher ich komme und wohin ich gehe! Wie arm wären wir ohne diese Erinnerungsorte. Sie sind ein Teil unserer Kultur!

 

„Ruhen inmitten der Wogen“, so haben wir den Borkumer Wappenspruch abgewandelt. Ein Friedhof als Ort des Friedens inmitten der tosenden Nordsee, inmitten fröhlichen Urlaubslebens.

 

Passt ein Friedhof in diese Urlaubswelt? Unbedingt, denn gerade, wenn ich den Kopf freibekomme - im Urlaub, bei einer Kur, dann begegne ich den wesentlichen Fragen meines Lebens.

 

Ich suche die Natur, ich suche Orte der Ruhe, des Aufatmens, der Besinnung, des Nachdenkens, - Orte, an denen ich mir selbst und meiner Suche nach Sinn begegne. Wo ich vor Anker gehen kann und eine neue Perspektive auf das Leben bekomme, wo mein Horizont sich neu weitet.

 

Ich begegne dem Tod inmitten der artenreichen Vielfalt des Lebens. Er will ein Ort sein, der mir mir nicht die Heiterkeit des Lebens nimmt, sondern sie mir neu bewusst macht und schenkt. Dazu wollen wir einladen!